Expertentalk: Das Hormon Leptin in der Depressionsforschung

Shownotes

Woher weiß ein Säugetier, was es als nächstes tun soll? Was haben Hormone, wie Leptin mit diesen Verhaltensentscheidungen zu tun und wie beeinflussen sie diese?

Unsere Medizinjournalistin Julina Pletziger geht diesen Fragen im neuen Expertentalk von mgo medizin auf den Grund. Ihre Gesprächspartnerin Dr. Anne Petzold, hat 2025 bereits über 2 Millionen Euro Spitzenförderung für ihre Forschungsarbeit erhalten und bietet uns heute tiefe Einblicke in ihre Erkenntnisse.

Seien Sie gespannt und folgen Sie uns, um keine neuen Folgen mehr zu verpassen!

Transkript anzeigen

00:00:00:

00:00:09: Säugetiere müssen den ganzen Tag über eine Vielzahl von Verhaltensentscheidungen treffen.

00:00:14: Sie haben verschiedene und teilweise auch konkurrierende Grundbedürfnisse, wie zum Beispiel Hunger, Durst oder Sexualität.

00:00:20: Doch woher weiß ein Säugetier eigentlich, was es als Nächstes machen soll?

00:00:24: Ich bin Julina Plätziger.

00:00:25: Ich bin Medizinjournalistin bei MGO Medizin im Fachbereich Neurologie und Psychiatrie.

00:00:31: Und ich freue mich heute auf einen ganz besonderen Gast, der im Jahr ist, über zwei Millionen Euro Spitzenförderung aus dem Eminöta-Programm der Deutschen Forschungsgemeinschaft erhalten hat, nämlich Dr.

00:00:42: Anne Pitzhold.

00:00:43: Anne Pitzhold ist Neurowissenschaftlerin und leitet die Arbeitsgruppe Brain-Body Interactions am European Neuroscience Institute in Göttingen.

00:00:52: Sie studierte Philosophie und integrative Neurowissenschaft in Magdeburg und promovierte anschließend am Imperial College in London.

00:00:59: Am Uniklinikum Göttingen forscht sie nun seit einem knappen Jahr und aus diesem Jahr berichtet sie uns heute.

00:01:08: Liebe Anne, herzlich willkommen im MGO-Medizin-Podcast.

00:01:11: Schön, dass du da bist.

00:01:12: Danke, Julina.

00:01:13: Ich freue mich auch, da zu sein.

00:01:15: Damit wir uns mal so richtig gut vorstellen können, wie du eigentlich arbeitest, würde ich dich bitten, uns so ein typisches Bild von einer Arbeitssituation in deinem Alltag zu geben.

00:01:24: Was machst du so den ganzen Tag?

00:01:26: Was können wir uns vorstellen, wenn wir jetzt an dich denken?

00:01:29: Oh je.

00:01:30: Also zum größten Teil besteht meine Arbeit, daraus Anträge zu stellen.

00:01:35: Förderanträge, Tierversuchsanträge, Anträge für Konferenzen, Anträge für Personal und für Infrastruktur.

00:01:44: Das ist vielleicht nicht immer spannend.

00:01:48: würde ich sagen, das sind dann die, wenn wir ein Experiment zu Ende gebracht haben und wir dann zusammensitzen und diskutieren können, hat das Experiment technisch funktioniert, entsprechen die Ergebnisse unseren Erwartungen oder als zwingende Ergebnis sein Umdenken, führen sie uns auf neue Wege zu neuen Fragen.

00:02:09: Ja, das sind so die Momente und Diskussionen im Team, für die wir in der Wissenschaft sind, würde ich sagen.

00:02:14: Ja, wo wir die ersten sind, die eine Beobachtung in der Biologie machen, die wir dann diskutieren und mit anderen teilen

00:02:19: können.

00:02:21: Ja, dein Forschungsprojekt hat ja auch im letzten Jahr eine sehr große Auszeichnung gewonnen, eben gerade weil ihr die Ersten seid und weil er tatsächlich auch ziemliche Grundlagenforschung an der Stelle betreibt.

00:02:31: Du untersuchst mit deinem Team tierisches und damit auch menschliches Verhalten auf der eigentlich basalsten Ebene, nämlich Zellulär.

00:02:38: Könntest du uns da einen kleinen Einstieg in dein Forschungsgebiet geben?

00:02:42: Welche Art von Verhalten interessiert dich da eigentlich?

00:02:46: Ich stelle erstmal eine ganz fundamentale Gegenfrage.

00:02:51: Warum haben wir eigentlich einen Gehirn?

00:02:55: Also wenn wir uns das Tierrecht so anschauen, dann sehen wir viele Beispiele von Tieren, die sehr gut ohne Gehirn auskommen.

00:03:02: Wir haben sogar Tiere, die ursprünglich einen Gehirn haben und mit späteren Leben dann darauf verzichten.

00:03:08: Also das ist so ein Phänomen, das beobachten wir zum Beispiel bei Sehscheiden.

00:03:11: Das sind so kleine Meerestiere, die aussehen wie so ein kleines buntes Milchkännchen.

00:03:18: Und im Larvenstadium von den Sehscheiden, da haben die noch ein Gehirn und da schwimmen die so mehr rum, bis die einen geeinten Wohnort gefunden haben.

00:03:26: Und dann ankannt sich die Sehscheiden fest und dann verdauen die ihr Gehirn.

00:03:30: Warum?

00:03:31: Die Sehscheide, die wird sich dann, wenn die sich mal fangert, hat nicht mehr aktiv in ihrer Umgebung bewegen und die muss sich nicht mehr zurechtfinden.

00:03:38: Das heißt, ein Gehirn ist überflüssig.

00:03:41: Im Umkehrschluss illustrieren wir damit ganz gern, wofür wir eigentlich einen Gehirn brauchen.

00:03:45: Wir brauchen das dafür, wenn wir unser Verhalten aktiv steuern müssen.

00:03:49: Also wenn wir ein fressfreien Sehen müssen, um vor allem wegzulaufen, oder wenn wir eine leckere Beere sehen, nach der wir greifen können und so weiter.

00:03:59: Um unser Verhalten adäquat zu steuern, benötigt unser Gehirn also zwei Arten von Information, einerseits Information über unsere Umgebung.

00:04:06: Was steht da draußen eigentlich zur Verfügung?

00:04:08: und Informationen über unseren internen Zustand?

00:04:10: Was brauchen wir eigentlich?

00:04:12: Und mich interessiert die Frage, wie die externen und internen Signale im Gehirn zusammenkommen, damit verhalten bedürfnisgerecht gesteuert werden kann.

00:04:22: Das ist eine Fähigkeit, das ist, wenn man so will, die Grundvoraussetzungen für ein körperlich und geistig gesundenes Leben.

00:04:30: Wenn wir uns jetzt als Säugetiere so durch unsere Umwelt bewegen, ist das ja eine ganz schön komplexe Situation, immer weil ja auch unterschiedliche Bedürfnisse gleichzeitig auftauchen könnten.

00:04:41: Das heißt, du erforscht ja auch diese vielleicht subtilen Entscheidungen, einen Ranking von Bedürfnissen eigentlich, einen Ranking von Verhalten.

00:04:49: Und dafür nutzt du eine ganz besondere Methode, nämlich die Einzelzelchalsium-Bildgebung.

00:04:55: Wie funktioniert die?

00:04:57: Genau, ganz grundsätzlich.

00:04:59: erstmal interessieren wir uns ja für Nervenzellen, hauptsächlich für Nervenzellen, die empfänglich sind für ein bestimmtes Hormon, das wir alle produzieren, das ist das Hormon-Laptin.

00:05:10: Und die Nervenzellen, für die wir uns interessieren, die produzieren einen Rezeptor für Laptin und deswegen können die eben direkt auf Laptin reagieren.

00:05:17: Da würde ich gerne einmal kurz reingehen, dieses Hormon-Laptin, das kennen vielleicht auch gar nicht alle.

00:05:22: Was ist denn das für ein Hormon und was macht das eigentlich, wofür kennt man Laptin?

00:05:26: Genau, Laptin, also wir arbeiten ganz grundsätzlich an körpereigenen Signalstoffen, also zum Beispiel an Hormonen und ganz zentrale, ganz zentrales körpereigenes Signal, das wir untersuchen, das ist eben Laptin.

00:05:43: Laptin ist ein Hormon, das unser Fettgewebe macht, um uns anzuzeigen, wie viele Energiereserven wir haben.

00:05:51: Ja, also wenn wir gerade etwas gegessen haben oder nach der Weihnachtszeit unsere Fettreserve gut aufgefüllt haben, dann ist der Laptin-Spiegel ziemlich hoch.

00:06:01: Wenn wir dann im Januar auf Diät gehen, dann wird unser Laptin-Spiegel aller Voraussicht nach wieder sinken.

00:06:08: Im Gehirn haben wir bestimmte Gruppen von Nervenzellen, die ein Rezept dafür Laptin haben und die dadurch auf Änderungen im Laptin-Spiegel reagieren können.

00:06:17: Also wenn wir gerade etwas gegessen haben und unser Fettgewebe lebt ihn ausschüttet, dann dockt Leptin an diese Nervenzellen im Gehirn an und induziert darüber ein Sättigungsgefühl, hemmt also weiteres Essverhalten.

00:06:30: Und wir untersuchen jetzt, welche Signalwege im Gehirn eigentlich nötig sind, damit Leptin diese Sättigende Wirkung entfalten kann.

00:06:37: Und ob und warum Leptin auch große Auswirkungen auf andere Verhaltensdimensionen hat.

00:06:41: Vor allem schauen wir uns soziale und sexuelle Verhaltensweisen an.

00:06:45: Und inwiefern Leptin mit anderen Hormonen im Körper wechselwirkt.

00:06:49: Besonders interessieren wir uns für Nervenzellen, die im Hypotalamus liegen.

00:06:52: Das ist eine tiefen Hirnstruktur.

00:06:55: Das liegt direkt über dem Hirnstamm.

00:06:57: Und diese tiefen Hörnstruktur der Hypothalamus, der ist besonders wichtig für die Motivationsgesteuerte Verhaltenskontrolle.

00:07:04: Ja, also für Essensverhalten, Trinkverhalten und so weiter.

00:07:07: Technisch betrachtet es jetzt also die Frage, wie schaffen wir das, die Aktivität von genau diesen Nervenzellen aufzunehmen, in einem sich frei verhaltenen Tier, dass seiner aktuellen Motivation entsprechend sein natürliches Triebverhalten auslebt?

00:07:23: Und hier kommt dann eben die Einzelzell-Kalzumbildgebung ins Spiel.

00:07:28: Wir machen uns hierzu Nutze, dass in Nervenzellen, wenn die aktiv werden, Kalzium einströmt.

00:07:34: Diesen Kalziumstrom, den können wir dann sichtbar machen.

00:07:38: Dafür bringen wir Proteine in die Nervenzeller ein, die Kalzium binden und daraufhin dann Grün leuchten.

00:07:45: Ja, also das sind dann kalziumbindende Fluorescence-Proteine letztendlich.

00:07:49: Wenn wir das grüne Aufleuchten der Nervenzellen sichtbar machen wollen, dann brauchen wir noch ein Mikroskop.

00:07:55: Die Mikroskope, die wir verwenden, sind viel, viel kleiner als gewöhnliche Mikroskope.

00:07:59: Die sind etwa so groß wie eine Einzentmünze, so dass eine Maus die auf dem Kopf tragen kann.

00:08:06: Die Technik hinter diesen Miniatur-Mikroskopen, die kommt übrigens vor den Handykameras.

00:08:10: Deshalb sind die so klein mittlerweile.

00:08:13: Also das Experiment muss man sich so vorstellen, dass die Maus ein kleines, fändig großes Mikroskop auf dem Kopf hat, durch das wir die Aktivität einzelner Nervenzellen aufnehmen können, während das die Macht, worauf es gerade Lust hat.

00:08:24: Also seinem natürlich motivierten Verhalten

00:08:26: folgt.

00:08:27: Was habt ihr denn durch diese Methode bisher herausgefunden?

00:08:30: Oh, viele sehr wichtige Ansichten darüber, wie Körperhormone, wie Laptin zum Beispiel, auf das Gehirn wirken und wie sie unser Verhalten beeinflussen.

00:08:39: Gemeinhin kennen wir natürlich die Wirkung des Scandalite-Dinners, ja, denn Hunger hindert Lust, das kennt wir, anekdotisch.

00:08:46: Und das ist bei Säugetieren, die wir ja auch sind, auch logisch, ja, denn soziales Verhalten, das kann die sexuelle Interaktion führen, das kann wiederum zur Reproduktion führen und das Schwangerschaft, ein neugeborenes Betreuen oder Nähern und so weiter, das kostet sehr viel Energie.

00:09:01: Und wenn der Energiespeicher zu gering ist, also zum Beispiel der Leptinspiegel zu gering ist, dann hat das Auswirkungen auf die soziale und die sexuelle Motivation im Solgetier und auch im Menschen.

00:09:12: Das heißt, ein Fettgewebehormon wie Leptin zum Beispiel, das sollte Auswirkungen haben, nicht nur auf das S-Verhalten, sondern auch auf andere Verhaltensdimensionen.

00:09:19: Welche wären das dann hier?

00:09:20: Und was wären die relevanten Signalwege im Gehirn?

00:09:24: In unserer Arbeit in den letzten Jahren konnten wir dann zeigen, dass die Sättigung durch Leptin, dieses Formon aus dem Fettgewebe, eine Steigerung des Sozialvereins zur Folge hat.

00:09:34: Und zwar konnten wir zeigen, dass das zustande kommt durch eine direkte Wirkung von Leptin auf Leptin-Receptor-Zellen eben in diesen tiefen Hirnstrukturen im Hypotalamus.

00:09:44: Darüber hinaus konnten wir auch zeigen, dass Leptin starke Wirkungen hat auf Emotionen, gerade auch in Modellen für neuropsychiatrische Störungen, zum Beispiel in dem Anorexianervosa-Modell.

00:09:58: Das ist eine ganz gefährliche Essstörung im Menschen.

00:10:00: Das ist die neuropsychiatrische Erkrankung mit der höchsten Mortalitätsrate.

00:10:06: Und da ist bekannt, dass anektotisch in Einzelfalluntersuchungen, Leptinbehandlungen im Anorexie-Patienten positive Effekte haben können.

00:10:20: Und wir konnten in unserer Arbeit nun zeigen, wie solche Effekte im Menschen möglicherweise erklärt werden können durch spezifische lebtinempfängliche Signalwege im Gehirn.

00:10:33: Damal eine ganz plakative Zwischenfrage.

00:10:37: Wenn wir uns diese Schaltkreise angucken und wie die verschiedenen Neuronen und Rezeptoren miteinander interagieren, um Verhalten zu steuern, bedeutet das, dass unser Verhalten in gewisser Weise deterministisch ist?

00:10:47: Also ein durchaus sehr interessanter Kern dieser Frage ist natürlich diese Beobachtung, dass das Gehirn nichts ist, was in einem Ein-Weck-Glas vor sich hinschmort und dann über eine Fernsteuerung unterschiedliche Falten zu weisen hervorbringt, sondern das Gehirn erhält natürlich... sehr, sehr viele körbereigene Signale und Signale von der Umgebung.

00:11:15: Das ist auch absolut essentiell, damit dann das Verhalten überhaupt adäquat und bedürftes Gerecht gesteuert werden kann.

00:11:23: Und natürlich kann man einerseits argumentieren, dass die Verhaltensweisen, die das Gehirn hervorbringt, letztendlich ein integriertes Produkt aus den Einflüssen sind, die das Gehirn von außen und vom Körper bekommt.

00:11:42: Ja, okay, danke für den kleinen Exkurs.

00:11:45: Allerdings würde ich schon sagen, dass wir zwischen uns so viele individuelle Unterschiede haben und Auch eben nicht nur das Produkt sind von unserem aktuellen Zustand, den aktuellen Einflüssen, die wir erhalten, sondern natürlich auch letztendlich ein Produkt in unserer Erfahrungen, die wir über Jahre hinweg gemacht haben und die uns gestalten, wenn man so will.

00:12:12: Also ein ganz deterministischer Prozess, denke ich, ist die Verhaltenssteuerung.

00:12:16: Selbst dann nicht, wenn wir... alle Signale, die unser Gehirn erreicht, die es verarbeiten muss, kratzieren könnten.

00:12:26: Ja, du hast jetzt gerade individuelle Unterschiede reingeworfen.

00:12:29: Deswegen möchte ich noch einmal grundlegend nachfragen, wie gut lassen sich denn die hier im Tiermodell gewonnenen Erkenntnisse überhaupt auf den Menschen übertragen?

00:12:36: Also das Tiermodell, in dem ich hauptsächlich arbeite, das ist ja die Maus.

00:12:40: Ja, also ein Sorge-Tier, dessen Genom zu achtundneunzig Prozent mit dem Genom des Menschen übereinstimmt.

00:12:47: Zunächst erst mal.

00:12:49: Und die Bedürfnisse einer Maus sind im Wesentlichen mit den Bedürfnissen eines Menschen identisch.

00:12:54: Ja, was will eine Maus?

00:12:55: essen, trinken, schlafen, warm sein, Sozialkontakt, Fortpflanzen.

00:13:01: Deshalb sind auch die Hirnstrukturen, die diese basalen Verhaltensweisen steuern, in der Maus, dem des Menschen sehr ähnlich.

00:13:12: Tatsächlich bei Lapti ist es so, dass Leptin entdeckt wurde durch eine Mutation in der Maus.

00:13:20: Also die Leptinmutanten, die Mäuse, waren extrem fette Mäuse, die in den Fünfzigerjahren einem Labor aufgetaucht sind und das brauchte dann noch mal vierzig Jahre, um das relevante mutierte Gen zu identifizieren.

00:13:32: Und das war dann das Gen, das für Leptin kodiert.

00:13:35: Also die ganze Leptinbasierte Forschung stammt letztendlich aus einer Beobachtung in der Maus.

00:13:44: Bei menschlichen Leptin-Mutanten, die gibt es auch, sind dulicherweise selten, sieht man ganz ähnliche Symptomatik.

00:13:51: Also menschliche Leptin-Mutanten, die haben auch mit extrem hohem Körpergewicht zu kämpfen und sterben oft schon im Kindesalter.

00:13:59: Die Weiterführenden-Studien zu Leptin, die haben dann gezeigt, dass Leptin letztendlich im Tiermodell die gleichen Auswirkungen auf den Stoffwechsel hat und auf das Verhalten hat, wie im Menschen auch.

00:14:09: Also es wirkt zättigend und hemmt das Essverhalten.

00:14:12: Die translationale Forschung zu Leptin steht also, würde ich sagen, auf sehr soliden Füßen.

00:14:17: Und ich gehe stark davon aus, dass ich auch die zukünftigen Erkenntnisse zu Leptin im Tiermodell auf den Menschen übertragen

00:14:23: lassen.

00:14:24: Alles klar.

00:14:25: Du hattest ja eben auch schon mögliche zukünftige klinische Implikationen angesprochen.

00:14:30: Zum Beispiel im Fall der Anorexie, aber auch Essstörungen wie jetzt die Adipositas, bei dem das Zusammenspiel zwischen Hungersättigung und anderen Bedürfnissen vielleicht aus dem Gleichgewicht ist, könnten ja von dieser Forschung profitieren.

00:14:42: Welche anderen Krankheitsbilder gibt es noch, für die deine Forschung relevant werden könnte?

00:14:48: Also in meiner Forschung geht es grundsätzlich um die Körper- und Interaktion.

00:14:53: Und das ist besonders relevant für unterschiedliche neuropsychiatrische Erkrankungen.

00:15:00: Und zwar vor allem neuropsychiatrische Erkrankungen, bei denen die Motivationsbildung gestört ist.

00:15:05: Was heißt das jetzt?

00:15:06: Wenn die Motivationskontrolle gestört ist, heißt das zum Beispiel, dass normalerweise sehr motivierte Tätigkeiten, die normalerweise Spaß machen, also zum Beispiel Essen oder in Gesellschaft sein oder sexuelle Erfahrungen, das ist überhaupt kein Spaß mehr machen.

00:15:23: Also der Patient fühlt sich abgestumpft, zum Beispiel.

00:15:27: Das nennt man dann auch Anhedonie.

00:15:29: Anhedonie ist Kennzeichnung für Depression und es taucht auch bei Altstörungen auf zum Beispiel.

00:15:34: Also bei der Anorexianarosa zum Beispiel.

00:15:37: Anhedonie, diese... Abgestumpftheit, wo kaum etwas Freude bereitet, das ist natürlich unheimlich belastend für den Patienten und trägt dann auch dazu bei, dass Patienten immer weniger Energie finden, um ihre Bedürfnisse zu erfüllen, also gesund zu essen, Gesellschaft zu suchen.

00:15:54: Deshalb wird das Leben dann oft sehr ungesund für den Patienten und sehr isoliert.

00:16:00: letztendlich wissen wir noch nicht genau, wo diese Abgestumpftheit eigentlich herkommt.

00:16:05: Meine Vermutung ist, dass die Abgestumpftheit zustande kommt durch eine Störung der körpereigenden Signale und damit eine eingeschränkte oder verfälschte Körperwahrnehmung.

00:16:15: Das ist eine Hypothese, die wir in meiner Gruppe untersuchen, in der Hoffnung, dass wir möglicherweise bereits existierende Therapien jetzt beispielsweise aus dem Feld der Stoffwechselerkrankungen nutzen können zur Verbesserung neuropsychiatrischer Störungen, also vor allem der Depression, und möglicherweise auch für neuropsychiatrische Essstörungen.

00:16:35: Könnte das auch für Suchterkrankungen spannend sein, weil es da ja auch um eine Fehlsteuerung des Belohnungs- oder Motivationssystems geht?

00:16:43: Ich denke, dass das grundsätzlich auch eine interessante und sehr relevante Richtung ist.

00:16:49: Bei Suchterkrankungen muss man natürlich schauen, um welche Suchterkrankungen es sich eigentlich genau handelt.

00:16:54: Die sind ja sehr divers.

00:16:56: Manche Suchterkrankungen haben ja eben auch eine starke Komponente einer physischen Abhängigkeit, wie zum Beispiel bei Opioiden beispielsweise.

00:17:07: Und ich würde anders als jetzt Suchterkrankungen, wie Spiel sucht zum Beispiel.

00:17:13: Und ich würde erwarten, dass dann dementsprechend auch die Signalwege im Gehirn, selbst wenn es letztendlich auch um das Belohnungssystem gehen sollte, die beeinträchtigt sind bei diesen unterschiedlichen Suchterkrankungen, doch sehr unterschiedlich sind.

00:17:28: Denkst du, dass die Forschung deiner Gruppe vielleicht auch dazu beitragen kann, gesellschaftliche Vorurteile oder Stigmata rund um Essverhalten oder grundsätzlich psychische Erkrankungen abzubauen?

00:17:39: Das wäre natürlich sehr wünschenswert.

00:17:42: Meine Beobachtung ist, dass es in den letzten Jahren schon einen gewissen Zuwachs an einem größeren Verständnis, gerade für Fettsucht oder Essensucht, gegeben hat.

00:17:55: Gerade in dem Zusammenhang mit den neuen Abnehmendikamenten, die GLP-Eins-R assoziiert sind.

00:18:06: Diese Forschung hat letztendlich gezeigt, wie diese GLP-Eins Signalwege, wenn die gestört sind, letztendlich zu ganz starken Erhöhung einer Motivation für Essen einhergehen.

00:18:21: Dann schauen wir uns jetzt noch mal einen ganz anderen Punkt an.

00:18:24: Und zwar habt ihr ja auch einen geschlechter sensiblen Forschungsschwerpunkt, dass nämlich der Zyklus der weiblichen Mäuse mit in die Forschung mit einbezogen wird.

00:18:33: Könntest du da noch ein bisschen darauf eingehen, was macht ihr da genau und wie könnten diese Erkenntnisse praktisch genutzt werden?

00:18:39: Ah, das ist auch eine gute Frage.

00:18:41: Also zunächst erstmal möchte ich nochmal sagen, Körpereingesignale wie auch Leptin sind erstmal genau das.

00:18:47: Also die sind körpereigen.

00:18:49: Dementsprechend sind sie grundsätzlich erstmal sehr stark individuell.

00:18:54: Ja, also wenn wir jetzt den Leptin-Spiegel in zehn verschiedene Menschen messen, dann kriegen wir wahrscheinlich völlig unterschiedliche Werte, die bis zu einem Faktor zehn auseinander liegen können.

00:19:06: Bedeutet das, dass auch die Leptinsignalwege individuell sehr unterschiedlich sind?

00:19:10: Ich vermute ja, aber wissenschaftlich untersucht ist dieser Aspekt bisher noch nicht wirklich.

00:19:15: Und dazu kommen dann eben auch noch diese starken geschlechtsspezifischen Aspekte, die du gerade angesprochen hast.

00:19:20: Genau.

00:19:22: Selbst bei diesem sehr unterschiedlichen Leptinspiegel, die wir zwischen Menschen beobachten, ist es im Mittel so, dass Frauen einen viel höheren Leptinspiegel haben als Männer.

00:19:31: Und damit meine ich im Mittel dreimal so hoch.

00:19:35: Diesen extrem hohen Unterschied, den können wir nicht damit erklären, dass Frauen ja auch etwas mehr Körperfett haben im Mittel und auch eine andere Fettverteilung als Männer.

00:19:43: Dafür ist der Unterschied einfach zu groß.

00:19:46: Die Ausschüttung von Leptin muss also unterschiedlich funktionieren zwischen den Geschlechtern und dazu kommt dann auch noch, dass der Leptin Spiegel mit dem weiblichen Zyklus systematisch schwankt.

00:19:57: Ich gehe davon aus, dass diese Geschlechts- undzyklus- spezifischen Ausschüttungen von Leptinauswirkungen darauf haben, wie Leptin auf das Gehirn wirkt.

00:20:06: Leider wissen wir bisher ganz wenig über diese möglichen Auswirkungen.

00:20:10: Deswegen ist es eben so schwierig hier auch wirklich praktische Erkenntnisse abzuleiten.

00:20:14: Wir forschen aktiv dran.

00:20:17: Das fragt mich in fünf Jahren nochmal.

00:20:19: Ja, alles klar, da bin ich schon gespannt.

00:20:21: Aber einfach zum Verständnis.

00:20:22: jetzt für die Zuhörenden könnte das dann zum Beispiel heißen, dass ihr ein verändertes Essverhalten durch diese Schaltkreise zu bestimmten Zyklusphasen findet.

00:20:31: Es ist grundsätzlich bereits dokumentiert, dass ich das Essverhalten mit dem Zyklus relativ stark ändern kann, auch welche Nahrungsmittel vorgezogen werden, welche Lebensmittelgruppen vorgezogen werden.

00:20:47: Das ist bereits gezahlt worden, das kann sich unterscheiden in den unterschiedlichen Zyklusphasen.

00:20:53: Nur inwiefern das möglicherweise, dieses Phänomen tatsächlich mit Änderungen im Laptien-Spiegel über den Zyklus hinweg einhergeht, das ist bis jetzt noch nicht geklärt.

00:21:06: Es wäre ja total spannend, dann ja auch Medikation oder einfach therapeutische Intervention auf die Zyklusphase eben abzustimmen, je nachdem was für Erkenntnisse es möglicherweise dazu geben könnte.

00:21:17: Wir sind gespannt.

00:21:18: Ich komme auf die Anfrage in fünf Jahren auf jeden Fall zurück.

00:21:22: Ja, dann werden wir eigentlich auch schon fast am Abschluss.

00:21:25: Mich würde natürlich interessieren, was die nächsten zu klären, in offenen Fragen sind, wenn wir jetzt gerade bei denen in fünf Jahren waren.

00:21:31: Womit wirst du dich dann im nächsten Jahr beschäftigen?

00:21:34: Wir werden uns konkret anschauen, inwiefern Körper eigene Hormone wie Laptin, Geschlechts- und Zyklusabhängenauswungungen auf das Ess- und Sozial- oder auch Sexual-Verhalten hat.

00:21:46: welche Signalwege im Gehirn dafür wichtig sind und ob eine mögliche Deregulation von Leptin abhängigen Signalwegen relevant sind für die Entstehung von Motivationsstörungen, wie wir sie in der Depression beobachten, zum Beispiel.

00:22:03: Dann wünsche ich auf jeden Fall sehr viel Erfolg bei den komplexen und spannenden Forschungsvorhaben, die du hast.

00:22:08: Hättest du Lust, zum Abschied eine kleine Geschichte aus deinem Forschungsalltag mit uns zu teilen?

00:22:13: Irgendwas, was dir in letzter Zeit passiert ist und was vielleicht interessant war, interessant sein könnte für Menschen, die jetzt nicht genau in diesem Forschungsbereich unterwegs sind.

00:22:23: Also in einer wissenschaftlichen Arbeitsgruppe zu arbeiten, das macht stets sehr viel Spaß.

00:22:30: Wissenschaftler sind ja von Natur aus sehr neugierig und sehr ausprobierfreudig und kommen meist aus sehr vielen unterschiedlichen Ländern und Kulturen.

00:22:40: Also da wird's nie langweilig.

00:22:44: Ich glaube, ich würde jetzt nicht zu sehr in die Details gehen wollen, aber ich würde sagen, in jeder wissenschaftlichen Arbeitsgruppe kommt mindestens einmal jemand auf die Idee, während einer Weihnachtsfeier den Glühwein mit dem beheizbaren Schüttler aufzuwärmen.

00:22:59: Und ich würde nicht empfehlen, es zu Hause auszuprobieren.

00:23:03: Alles klar, die Warnung nehmen wir mit.

00:23:06: Dann bedanke ich mich sehr, sehr herzlich bei dir für deine Zeit und für dieses spannende Interview.

00:23:11: Schön, dass du da warst und viel Erfolg natürlich für die Zukunft

00:23:15: und

00:23:15: auch viel Erfolg an dein gesammtes

00:23:17: Team.

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